Was tun die Birkenblätter?

Ich habe lange nicht mehr über die Birke geschrieben, die Birke vor meinem Fenster. Sie ist auch heute wieder schön. Der Wind ist gerade mit den Birkenblättern beschäftigt. Ich höre es nicht. Das Fenster ist zu. Ich sehe es nur. Aber ich weiß genau, wie es sich anhört. Und dann …

Und dann denke ich an Kurt Tucholsky, der in „Mir fehlt ein Wort“ so schön geschrieben hat: „Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, daß sie … was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern … aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – ‚besprechen‘ hat eine tiefe Bedeutung. Steht bei Goethe „‚Blattgeriesel‘? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter-?

Tja, was tun sie denn nun, die Birkenblätter? Tucholsky ist dahingegangen und hat es nicht gesagt. Zumindest uns nicht. Ich bin noch hier, denke manchmal darüber nach, und weiß es erst recht nicht. Das stört mich wenig. Was auch immer die Birkenblätter tun, ich bin froh, dass sie es tun. Ich kann auch sehr gut zuschauen und zuhören und mich darüber freuen, wenn ich nicht weiß, was sie machen.

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