Von Streichelschafen und Fressschafen

Mit Schafen konnte ich bisher nicht viel anfangen. Ich hatte weder eine schlechte Meinung, noch eine gute Meinung über Schafe, ich hatte einfach gar keine Meinung. Ich kenne mich mit Schafen nicht aus und kannte auch kein Schaf persönlich. Bis letzte Woche. Vergangene Woche habe ich ein Schaf getroffen. Ein zutrauliches Schaf.

Wir hatten am Abend noch einen Ausflug zum Kletterbaum gemacht, um nachzusehen, ob noch alle Äste da sind. Schon auf dem Hinweg haben wir nach den Schafen und Ziegen Ausschau gehalten, aber sie waren irgendwo von Gebüschen verdeckt beschäftigt. Aber auf dem Rückweg standen sie im nun einsehbaren Teil der Weide.

Die meisten Tiere waren am fressen. Ein paar starrten gelangweilt bis misstrauisch in unsere Richtung. Zwei Tiere standen am Tor. Auf der anderen Seite des Tors standen eine Frau und ein Kind. Sie streichelten ein Schaf am Kopf. Wir kamen dazu und schoben dem anderen Schaf Grashalme vor die Nase. Das Fressschaf wollte nicht gestreichelt werden. Es wollte fressen. Wie überall ist das Gras auch hier auf der anderen Seite des Tors grüner.

Das andere Schaf wollte gestreichelt werden. Nach einer kurzen Weile wünschten die Frau und das Kind dem Streichelschaf und uns eine gute Nacht und gingen nach Hause. Die Konstellation blieb trotzdem gleich, Kind und Frau auf der einen Seite, Streichelschaf auf der anderen, denn nun kam das Streichelschaf zu uns. Es wollte nicht fressen. Es wollte gestreichelt werden.

Dafür schubste es das Fressschaf aus dem Weg, stellte sich so hin, dass wir gut den Kopf kraulen konnten und stand mit geschlossenen Augen da. Hörten wir auf zu, stubste es vorsichtig unsere Hände an. Es war nicht hektisch, hatte keine Angst. Es war ein zutrauliches Schaf in einem friedlichen Moment. Als wir uns verabschiedeten, ging die friedliche Stimmung auch mit uns mit.

Ich habe von Schafen immer noch keine Ahnung. Ich kenne auch das Streichelschaf nicht wirklich. Aber dieser stille Augenblick hat mich für das Streichelschaf eingenommen.

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