Friedhofsordnung

Am Wochenende war ich auf einem workshop. Einem Workshop zum Klotzbeutenbau. Eine Klotzbeute ist eine Bienenbeute, die aus einem Stück ausgehöhltem Baumstamm hergestellt wird. Es war ein großartiger Workshop. Viel gelernt, gute Arbeit, scharfes Werkzeug, gutes Essen, im Freien, prima Menschen.

Nur ein was hat nicht gestimmt – der Ort. Der Workshop fand auf einem Friedhof statt. Beerdigt wird doch niemand mehr. Beerdigt sind da noch ein paar Menschen. Und werden auch noch eine Weile bleiben. Bis die vereinbarte Nutzungszeit abläuft.

Auf dem Gelände des Friedhofs zieht inzwischen ein Gemeinschaftsgarten ein. Mit Staudengärtnerei, Bienen, Steinmetzwerkstatt, ganz viel verschiedenen Mitmachmöglichkeiten. Ein grüner Fleck zwischen vielen Häusern. Offen für alle. Eine gute Sache also.

Und trotzdem fühlt es sich für mich nicht richtig an. So sehr ich verstehe, dass man diese Fläche, die für die althergebrachte Nutzungsart nicht mehr gebraucht wird, anders nutzen will. Und das für gute Zwecke die entsprechenden Flächen fehlen. Fühlt es sich nicht richtig an.

Nun nutzlose Grabsteine zu Hügeln aufgeschichtet. „In ewiger Liebe“, „Unvergessen“. Alles ewig. Alle unvergessen. Für wen stellt man eigentlich Grabsteine auf? Wahrscheinlich für sich selbst. In der Hoffnung, dass man selbst nicht vergessen wird. Dass irgendjemand bleibt, der sich erinnert, dass man gelebt hat.

Tja, diese Hoffnung wird enttäuscht. Die Toten stört es nicht. Sicher. Aber die Lebenden? Der Ort an dem die Toten ihre letzte Ruhe finden sollten, wird nun abgeschafft. Was ist dann mit der letzten Ruhe der Toten?

Was wird dann wohl aus unserer eigenen letzten Ruhe? Wir wissen schon nicht, ob wir nach dem Tod irgendwo hingehen und wenn ja, wohin. Nun ist nicht mal mehr sicher, wo und wie lange unsere Überreste herumliegen dürfen. Nach Ruhe hört sich das nicht an.

Ich verstehe schon, dass in Deutschland Begräbnisstätten nicht als heilige Orte angesehen werden. Aber es wird auch sonst fast nichts als heiliger Ort angesehen. Das könnte ein Teil unseres Problem sein, dass nichts irgendeine wirkliche Bedeutung mehr hat.

Das kann man alles ganz nüchtern und rational sehen. Klar. Aber zu nüchtern, zu rational ist auch nicht gesund. Denn das ist nur eine Seite der Medaille. Und jeder von uns hat auch eine andere Seite. Ob wir wollen oder nicht. Ob wir sie anerkennen oder nicht. Ob wir das nun Seele oder sonst wie nennen.

War es Tucholsky, der gesagt hat, dass man auf dem Friedhof letztendlich immer nur sich selbst besuchen geht? Wie schade, wieder ein Ort abgeschafft, sich selbst besuchen zu gehen. Wieder ein stiller Ort weniger. Das scheint mir nicht der richtige Weg zu sein.

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