Einen Fuß vor den anderen

Wir wohnen gerade auf einem Berg. Das ist sehr schön. Die Luft ist gut. Der Ausblick auch. Es ist meist still. Gestern war ich im Tal einkaufen. Zu Fuß. 3,5 Stunden ins Tal. 4,5 Stunden wieder hinauf auf die Hütte. Es wäre auch einfacher gegangen. Mit Seilbahn. Auto oder Bus. Ich bin die ganze Strecke gelaufen. Weil ich wollte.

Weil ich nur so die Bäume anschauen kann. Den Schnee. Den Himmel. Die Sterne. Auf dem Heimweg schien der Mond so hell, dass ich die Lampe gar nicht gebraucht hätte. Weil ich nur so fühlen kann, wie sich der Schnee ändert. Weil ich nur so fühlen kann, wie sich die Temperatur ändert, mit der Höhe, im Wald, um jede Kurve. Wie es sich anfühlt, einen Berg herunterzulaufen und wieder hochzusteigen. Weil ich nur so wirklich da bin. Und es gibt noch einen Grund.

Unten im Tal bin ich einem Mann begegnet. Der sich mühsam vorwärtsbewegte. Am Stock. Langsam. Schleppend. Ein Arm seltsam verdreht an den Körper gepresst. Jeder Schritt dem Körper abgerungen. Vom Willen erkämpft. Der Rollstuhl stand 20 m entfernt. Auch der Mann ist gelaufen, weil er es wollte. Nur deshalb ist er überhaupt noch gelaufen. 20 – 30 m.

Ich bin gelaufen, weil ich wollte, vor allem aber, weil ich kann. Ich kann einfach so laufen. Was keine Selbstverständlichkeit ist. Was für ein großes Glück, einfach so einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Was für ein großes Glück, kilometerweit, Berge hinunter und wieder hinauflaufen zu können. Was für ein Glück. Auch wenn mir heute die Beine weh tun.

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