Die Kuh als Heilmittel im Besonderen

Das gestrige in den Himmel schauen hat wieder ganz erstaunliche Früchte getragen. Im Laufe des Tages flatterte mir eine Geschichte vor die Füße, die ich wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätte, wenn ich zu beschäftigt gewesen wäre.

Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

Erzählt hat die Geschichte der nicht ganz unumstrittene Journalist Johann Hari in seinem Ted-Talk „This could be why you’re depressed or anxious“. Hari hat diese Geschichte wiederum von dem südafrikanischen Arzt Dr. Derek Summerfield gehört, der sie wiederum von kambodschanischen Ärzten erzählt bekommen hat.

Dr. Summerfield war 2001 in Kambodscha, zu einem Zeitpunkt als zum ersten Mal chemische Antidepressiva im Land eingeführt wurden. Die kambodschanischen Ärzte kannten diese Mittel nicht und Summerfield erklärte, worum es geht. Daraufhin erklärten die kambodschanischen Ärzte, dass sie diese Mittel nicht brauchen würden, sie hätten bereits Antidepressiva. Und Summerfield wunderte sich und stellte sich irgendwelche Heilkräuter vor. Stattdessen erzählten die Ärzte ihm folgende Geschichte:

Es gab einen Reisbauern in ihrer Gemeinschaft. Eines Tages trat er auf eine vergessene Landmine aus dem Krieg mit den USA. Sein Bein wurde abgerissen. Die Ärzte machten ihm eine Beinprothese und nach einer Weile ging er wieder an die Arbeit auf sein Reisfeld. Aber augenscheinlich war es unglaublich schmerzhaft mit einer Prothese unter Wasser zu arbeiten. Und es muss auch sehr traumatisch gewesen sein, auf das Feld zurückzugehen, wo er in die Luft gesprengt wurde.

Der Mann fing an den ganzen Tag zu weinen. Er weigerte sich aufzustehen. Er entwickelte alle Symptome einer klassischen Depression. Das sei der Moment gewesen, als sie ihm ein Antidepressivum gegeben hätten. Und Summerfield fragte, was das gewesen sei.

Sie erklärte ihm, dass sie zu dem Mann gegangen seien und sich zu ihm gesetzt hätten. Sie hörten ihm zu. Sie erkannten, dass sein Schmerz Sinn machte – für ihn selbst war das in den Tiefen seiner Depression kaum zu erkennen – aber es gab völlig verständliche Gründe dafür in seinem Leben.

Die Ärzte und die Dorfbewohner beratschlagten, was zu tun sei. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass, wenn sie dem Bauern eine Kuh kaufen würden, er Milchbauer werden könnte. Er wäre dann nicht mehr in der für ihn ausweglosen Situation, die ihm solche Schwierigkeiten bereitet und müsste nicht mehr im Reisfeld arbeiten. Und so haben sie ihm eine Kuh gekauft.

Innerhalb kurzer Zeit hörte das Weinen auf. Innerhalb von ein paar Wochen war die Depression verschwunden. Und die kambodschanischen Ärzte sagten zu Summerfield: „Sehen Sie, Doktor, die Kuh, die war ein Antidepressivum. Das ist es doch, was Sie meinen, oder?“

Was immer auch wahr ist an dieser Geschichte – und ich hoffe sehr, dass sie wahr ist – , es ist eine sehr schöne Geschichte. Und nicht nur wegen der Dinge, die gesagt wurden, sondern auch wegen der Dinge, die nicht gesagt wurden, wie z.B.:

„Jetzt reiß Dich mal zusammen. Es ist doch nicht so schlimm. Anderen geht es viel schlechter. Stell Dich nicht so an. Lös das Probelm doch einfach. Das ist Dein Problem. ….“ Was wohl jeder in der einen oder anderen Weise schon einmal gehört hat und was sich noch nie gut angefühlt und erst recht nicht geholfen hat. Im Gegenteil.

Der Bauer wurde nicht allein gelassen in seiner Not. Die Menschen kamen zusammen, um zu sehen und zu verstehen, was der Mann wirklich braucht. Sie haben ihn gesehen und gehört und dann getan, was zu tun war.

Chemische Antidepressiva haben ihren Platz. Keine Frage. Aber sie können nicht alles für alle lösen. Vor allem nicht die tiefer liegenden Gründe für eine Depression. Da hilft nur genau hinschauen, was dem Ganzen eigentlich zu Grund liegt. Kann der Betroffene das selbst nicht mehr, dann braucht es eben andere Menschen, die das tun. Die keine Angst vor der abgrundtiefen Traurigkeit haben und sich trauen, in die Dunkelheit zu blicken. Weiß man, was der wirkliche Grund ist, dann lässt sich auch die passende Kuh leichter finden.

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