Alle Leben zählen

Vor einer Weile hatte ich eine Unterhaltung, in der es um die Umsetzung einer Idee ging. Inhaltlicher Ausgangspunkt war „Black Lives Matter“ . Schwarze Leben zählen. Black Lives Matter ist laut wikipedia eine internationale Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den USA entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen Schwarze einsetzt.

Meine Überlegungen führten mich von schwarze Leben zählen, zu weiße Leben, blaue Leben, rote Leben, grüne Leben zählen auch. Jedes Leben. Egal, welche Farbe wir damit verknüpfen. Alle Leben zählen. Ein Leben zählt nicht mehr oder weniger als das andere. Nur wie darstellen?

Mein Gegenüber hört sich das alles an und meint sinngemäß, dass das grundsätzlich stimmt. Alle Leben zählen. Soweit zumindest die Theorie. Aber tatsächlich sei es eben nicht so. Und deshalb könne man nicht alle Farben über einen Kamm scheren. Und mein Standpunkt sei eine typische weiße Sicht auf die Dinge.

Ich ahnte, dass sie recht hatte, aber richtig verstanden habe ich es nicht. Mit dem Verstehen bin ich nun dank Brené Brown ein Stück weiter gekommen. In ihrem Buch „Braving the Wilderness“ kommt sie auch bei der Frage an, ob man den Schlachtruf „Schwarze Leben zählen“ nicht in „Alle Leben zählen“ ändern sollte. Mit Bezug auf die USA schreibt sie:

“ … Nein. Denn das Menschsein wurde nicht von allen Leben so abgelöst, wie es von den Leben der Bürger mit schwarzer Hautfarbe abgelöst wurde. Dafür dass Sklaverei funktionieren, dass wir Menschen kaufen, verkaufen, schlagen, wie Tiere behandeln konnten, mussten Amerikaner Sklaven komplett entmenschlichen. Und ob wir nun direkt daran teilgenommen haben oder ob wir einfach ein Mitglied der Kultur sind, in der dieses Verhalten zu einer Zeit normal war, es hat uns geformt. Ich glaube, „Schwarze Leben zählen“ ist eine Bewegung um schwarze Bürger zu rehumanisieren. Alle Leben zählen, aber nicht alle Leben müssen überhaupt erst wieder in unsere moralischen Vorstellungen einbezogen werden. Nicht alle Menschen waren einem psychologischem Prozess der Dämonisierung und Entmenschlichung ausgesetzt, so dass wir die unmenschliche Praktiken der Sklaverei rechtfertigen konnten.“

Ich glaube, sie hat recht. Bei „Black Lives Matter“ geht es nicht darum, eine Bevölkerungsgruppe besonders herauszustellen. Sondern darum, eine Bevölkerungsgruppe überhaupt erst auf die gleiche Stufe in unserer moralischen Wahrnehmung zu bringen. Sie überhaupt erst wieder zu einem Teil von „Alle“ in „Alle Leben zählen“ zu machen.

Nicht alle Leben brauchen den Schlachtruf „Alle Leben zählen.“ Nicht bei allen Leben wurde das in Frage gestellt.

Eine solche Bewegung ist notwendig für alle Bevölkerungsgruppen, die einem Prozess der Dämonisierung und Entmenschlichung ausgesetzt wurden. Und davon gibt und gab es ja im Laufe der Geschichte weltweit einige.

Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, sich klar zu machen, wie stark wir von der Gesellschaft in der wir leben beinflusst werden. Unbewusst. Auch von Ansichten, die ein paar Generationen vor uns die Norm waren. Und wir sehr das unser Handeln bestimmt.

Der Einwand, dass meine Ansicht sei eine weiße Ansicht, ist vollkommen berechtigt. Doch dazu dann mehr in den nächsten Tagen.

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